Multipotentialite

#persönlichesessay - 12/22

Eine Lanze brechen – für die unter uns, die vielen zu viel sind

Für lange, sehr lange Zeit habe ich mich oft fehl am Platz, nicht zu den anderen, nicht zur Gesellschaft, nicht ins Konzept passend gefühlt, und ernsthaft geglaubt, dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich wollte immer mehr, war neugierig und an tausend Dingen interessiert. Seit ich denken kann, konnte mich eine einzige Sache, ob ein Hobby, ein Job, ein Projekt, ein Mensch allein nicht lange glücklich machen. Ich habe unzählige Talente und Interessen und ich liebe es, diese Welt mit jedem Atemzug neu zu entdecken und mich in ihr wie ein Fisch im großen Meer der Möglichkeiten zu tummeln. Ich bin ein leidenschaftlicher Mensch der sich einer Sache zu 100% widmen und vollumfänglich darauf einlassen und darin aufgehen kann. Durchaus auch ohne Balance und ohne Rücksicht auf links und rechts, Gesundheit oder Vernunft. Ich tauche tief. Doch wenn ich alle Facetten erkundet und verstanden habe, ziehe ich weiter. Im Loslassen und neu anfangen bin ich inzwischen Profi. Ob Jobs, Beziehungen oder Hobbys. Ich leuchte, ich brenne, ich mache viel und bin vielen zu viel. Deswegen dachte ich stets, mit mir sei was grundlegend falsch gelaufen. Vermutlich in der Kindheit, hört man oft. Und natürlich war auch meine nicht frei von Schicksalsschlägen, und ein Mann, den ich weder halten noch loslassen konnte, hatte mich sogar so weit, dass ich therapeutische Hilfe in Erwägung zog. Doch alles in mir rebellierte. Denn ich spürte, ich war einfach nur ich.

(Rückblende: Ich hatte als Kind nicht nur einen Vogel ;o) sondern auch Schildkröten und ein Kaninchen, ich machte Judo, Ballett und Jazzdance, liebte Mathe, Musik und politische Weltkunde, studierte Momo und das Bürgerliche Gesetzbuch auswendig und zog mit 17 Jahren von zu Hause aus, und dann alle 1,5 Jahre um. Ich trug die Haare blond, braun, schwarz, lila, rot, kurz, lang, mit Dauerwelle und auch Extensions, ich machte Abitur, arbeitete nebenbei in Restaurants, spendete Plasma, kaufte mein erstes Auto (einen roten Ford Fiesta) und betrieb eine eigene Abrissfirma. Ich machte eine Ausbildung zur Bürokauffrau, arbeitete in einem Steuerbüro, absolvierte eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau, bekam als eine der Jahrgangsbesten ein Stipendium und wurde zur Beraterin für deutschen Wein, bevor ich das Land verließ, um mich mit 10 Anderen (von weltweit 1300 Bewerber) im Hotelmanagement bis zum General Manager hochzuarbeiten. So lautete zumindest der 10-Jahres-Plan dieses internationalen Programms und meine ersten Stationen waren England und Wales. Nach 1,5 Jahren, und einer Nacht im Gefängnis, zog ich der Liebe zum Weinanbau wegen jedoch weiter, um in Kanada (der Globus entschied) den Weinbau praktisch zu erlernen. Ich lebte im Truck, im Zelt, in einem Airstream, hatte eine ungewollte Schwangerschaft beendet, mich auf einem männerdominierten Weingut vom Feld an die Seite des Winzers vorgearbeitet und in Vancouver einer Beauty-OP unterzogen. Als die Routine im Weingutalltag Einzug nahm, reiste ich weiter. Nach Thailand und einem Erdbeben kam Portugal und dann die Liebe, die mich zwischen Deutschland und Österreich pendeln ließ. Es folgte der Anfang eines Önologiestudiums, die Arbeit in einer Weinfachhandlung in Österreich, ein Sachbuch über den Zusammenhang unserer Ernährung und unseres Co2-Fußabdrucks und in Deutschland die Lehre & Arbeit als Tätowiererin. Als meine Tochter zur Welt kam, kostete ich vom Helikopterelternsein, bildete mich dazu weiter und gründete das Unternehmen Babyfee, um anderen Müttern wie mir zu helfen. Es folgten Fernseh- und Zeitungsinterviews, die Ausbildung zur Elternberaterin übers Familienministerium, eine geplante deutschlandweite Zusammenarbeit, parallel die Arbeit in einem Café und schließlich ein gelungener Burnout. Dann etwas Ruhe, Gitarre spielen und singen lernen, die Hochzeit mit dem Vater meines Kindes. Nach einem Belletristikfernstudium erschien mein Debütroman, kurz darauf der Auszug mit dem Kind, die Arbeit in einer Werbeagentur, Ausflüge in die Unternehmensberatung, das Ehrenamt zur Vorlesepatin, mein erstes Kinderbuch, drei Hip Hop Songs, die Gründung der Spaziergeberin, wieder Radio- und Zeitungsinterviews, ein Hörbuch, eine mitsynchronisierte Kinder-Webserie und ein geschnitzter weiblicher Torso. Ende 20222 habe ich zwei weitere Bücher rausgesandt und die nächsten Projekte stehen in den Startlöchern.)

Ganz sicher habe ich einige Dinge in der Aufzählung vergessen, doch ich glaube, der Punkt ist klar … Stillstand funktioniert für mich nicht. Ich liebe es, neues zu lernen, ich liebe die Abwechslung und große Gefühle. Und immer wieder treffe ich Leute, die mich bekehren wollen – die mein Licht lieben, aber nicht die Art wie es entsteht. Für manche versuche ich stehenzubleiben. Doch das bin nicht ich und mein Körper erinnert mich stets. Mein ganzes Leben habe ich versucht, mir selbst treu zu bleiben und gleichzeitig in die Welt zu passen. Was irrsinnig anstrengend war und im Ergebnis fühlte ich mich falsch und auf der Welt allein.

Erst der Uni-Ted Talk meiner 22 Jahre jüngeren Schwester öffnete mir vor ein paar Tagen radikal die Augen – ich bin keinesfalls allein! Menschen, die sich wie ich von Herzen vielen Dingen widmen und sich nicht auf den einen Beruf, den einen Traum oder den einen Menschen festlegen wollen, heißen Multipotentialites. Klingt komplex, ist aber ganz einfach. Wir sind Menschen mit vielen Potenzialen/Interessen/Talenten und zwar in gut. Wir haben schon als Kinder oft wechselnd auf die Frage geantwortet, was wir mal werden wollen, und sind unter großen Stress geraten, als die Berufswahl dann tatsächlich anstand. Die Welt bietet unzählige Möglichkeiten was man werden oder wo man leben könnte. Wie soll ein junger Mensch da die eine, möglichst richtige Wahl treffen, die ihn bestenfalls für den Rest des Lebens glücklich und wohlhabend macht? Manche Menschen wussten schon immer was sie werden wollen, wurden es und sind damit sehr glücklich. Und ich gönne es ihnen von ganzem Herzen! Wir hätten keine Spezialisten ohne sie. Aber nicht jeder hat seine Passion gefunden, womöglich weil es mehr als eine gibt. Doch die Gesellschaft forciert die Suche nach der einen Berufung und deren Perfektion. Was es für Menschen, die sich nicht in eine einzige Form pressen lassen, schwer macht. Vor allem dabei, sich selbst als wertvoll zu erkennen. Jedoch bringen gerade sie, durch branchenübergreifendes Wissen, innovative Lösungen & Ideen. Spezialisten und Multipotentialites sind m.E. die besten Teams. Zusammen! Frischwind und Expertise, Kopf und Herz und Handwerk, gemeinsam … entstehen Imperien.

Ich liebe Entwicklung und das Unbekannte, strebe nach dem höchsten Regal - dem unmöglich Scheinenden; hinterfrage, was ich nicht kenne oder was mir suspekt vorkommt – erst recht Grenzen & Muster, bin sehr offen aber dulde in meinem inneren Kreis nur authentische Menschen. Ich unterstütze Missionen und Visionäre, und verteidige ein Leben in Freude, Respekt, Freiheit und auf Augenhöhe. Ich scheue weder Diskussionen, noch, eigenes Unrecht einzugestehen und suche stets die Wahrheit – auch auf Wegen fernab aller Traditionen und bekannten Glaubenssätze. Doch ich war immer Einzelkämpfer und ich verrenne mich gern mal, vergreife mich im Ton, übersehe die Grenzen der Legalität bei manchen Lösungsansätzen und nur wenig kann mich für länger zufrieden stellen. Denn, und das habe ich tatsächlich immer gewusst, Veränderung, Neugier und Hingabe sind meine Konstanten. Die Fähigkeit, etwas den Rücken zuzuwenden was man einst von ganzem Herzen geliebt hat, ist Segen und Fluch zugleich. Und wenn die Welt dir erzählt, dass du dich für etwas entscheiden und gravierende Kompromisse eingehen musst, weil das eben so ist – sollte alles in dir rebellieren. Denn du musst dich weder entscheiden, noch deinen kompletten Weg oder alle Antworten kennen. Nur ehrlich & respektvoll sein. Und mit irgendwas anfangen. Finde deine Balance. Alles darf. Steh zu dir und du findest die Menschen, die das auch tun. Sie machen den Unterschied.

Ich habe gelernt, dass unsere Herzen für mehr als eine Liebe gemacht sind, auch zeitgleich – wir sind fähig, mehr als ein Hobby zu lieben, mehr als einen Traum zu träumen, mehr als einer Berufung zu folgen, mehr als einem Kind unser Herz zu schenken, mehr als einem Tier, einem Lied, einem Land, einer Speise oder eben einem Mann oder einer Frau. Ich glaube nicht an die eine wahre Liebe in Bezug auf Lovestories, sondern an verschiedene Arten von Liebe und an Ehrlichkeit, ich glaube an Weggefährten und Partner und an die Liebe per se! Jedem Mann, jeder Frau, jedem, dem ich je gesagt habe, dass ich ihn liebe, den habe ich geliebt. Ohne Ausnahme. Egal was danach kam. Liebe wandelt sich. Neue kommt hinzu, andere reift, manche welkt. Den Vater meiner Tochter z.B. kenne ich seit 16 Jahren, bin seit 9 Jahren mit ihm verheiratet und habe in ihm einen meiner besten Freunde gefunden, obwohl wir seit 5 Jahren getrennt sind. Unserer Liebe hat eine weitere geboren: unsere Tochter. Und ganz gleich was im Leben noch kommt, wir werden immer füreinander da sein, weil wir eine Familie sind. Egal wen wir noch lieben. Ich sehe Parallelen zwischen (Liebes-)beziehungen und Karrieren … es gibt Spezialisten und Multipotentialites, und nichts ist besser oder schlechter. Mögen alle lieben was, wen und wie viele sie wollen. Wir müssen nicht alle das Gleiche mögen oder vom Leben erwarten. Akzeptanz und Authentizität sind der Schlüssel.

Ich habe mir ein Leben aufgebaut, in dem ich konstant wechselnd machen kann wofür mein Herz schlägt. Wie Momo, ich lebe in meiner mir eigenen Zeit. Mit Menschen an meiner Seite, die mich nicht ändern wollen, die mein Leben bereichern und andersherum – und die nicht selten selbst Multipotentialites sind. Manche verheiratet, manche Ex-Lover, manche seit 25 Jahren im selben Job, manche Künstler … doch sie alle sind, wissend oder nicht, in allen Facetten sie selbst. Ich würde mein Leben für jeden einzelnen von ihnen geben.

Und auch ich habe, dank meiner Tochter, eine neue Seite an mir kennengelernt … jene, die es liebt, sich von Herzen, dankbar und neugierig seit nunmehr 13 Jahren und hundert weiteren, um ein und denselben Menschen zu kümmern. Grinseglücklich. Meine Mutter hat mir immer, wenn sie überfordert und wütend mit mir war, gewünscht, dass ich mal eine Tochter wie mich bekomme. Und wisst ihr was? Das Universum hat sie mir, zum Glück, geschenkt!

Ich liebe dich, Leben! Ich schwimme in deinem Ozean, tauche tief und tauche auf, und der Tag, an dem ich nichts Neues mehr lernen, sehen, schmecken oder spüren will, wird der Tag sein, an dem ich sterbe. Doch bis dahin warten noch viele Wunder. Und ich freue mich auf jedes davon, und auf jeden Menschen der mich hält, indem er nicht versucht, mich zu halten.

Wir sollten sicher nicht jede unserer Wahrheiten ausleben, aber wir sollten jede aussprechen dürfen. Und diese ist eine meiner: Ich bin eine Multipotentialite. Mit jeder Faser meiner Seele.

Wer bist du?

Danke Lilsis, ich fühle mich angekommen in mir und nie wieder allein!

Love, Anke

#glücklich #dankbar #sehr

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